12. December 2016

Vitamin – D – Rezeptor - Blockade: Märchen oder Wahrheit?

Vitamin D ist gut für unseren Körper. Oder? Wir haben uns das genauer angeschaut.

Die Bedeutung der vielfältigen Wirkungen des Vitamin D auf menschlichen Organismus ist unbestritten. In den letzten Jahren wurde folgerichtig dem Vitamin D vermehrt Aufmerksamkeit zuteil, selbst viele gesundheitsbewußte Laien achten auf eine ausreichende Vitamin D – Versorgung vor allem in der dunklen Jahreszeit.

In letzter Zeit entwickelt sich aber eine Anti – Vitamin – D – Welle. Es geht sogar soweit, daß behauptet wird, die Verwendung von Vitamin – D – Präparaten könne zu lebensbedrohliche gesundheitlichen Schäden führen! Begründet wird dieses mit einem blockierten Vitamin – D – Rezeptor (VDR). Ursächlich für diese Blockade sollen (chronische) bakterielle Infektionen, z.B. durch Borrelien, sein.

Die folgende Darstellung des Vitamin – D – Stoffwechsels habe ich aus Verständnisgründen bewußt sehr vereinfacht und medizinisch biochemisch nicht ganz korrekt verfaßt. Sie reicht aber völlig aus, um das Phänomen VDR – Blockade nach zu vollziehen:

Durch Sonneneinstrahlung bildet unsere Haut 25-OH-Calcidiol, die inaktive Form des Vitamin D. Daraus wird in der Niere die aktive Form 1,25-OH-Calcitriol gebildet, welches für die vielfältigen Vitamin – D – Wirkungen in der Zelle verantwortlich ist. Um in die Zelle zu gelangen, muß Calcitriol zuerst an einen VDR in der Zellwand ankoppeln. Nun wird behauptet, diese Rezeptoren könnten blockiert sein, man könne dies an hohen / erhöhten Calcitriol – Spiegeln bei gleichzeitig erniedrigten Calcidiol – Spiegeln erkennen: Der-Vitamin-D-Irrtum.

Dieser Artikel scheint auf den ersten Blick bemerkenswert, gibt er sich doch einen wissenschaftlichen Anstrich. Aber einige Aussagen lassen doch an dem Wahrheitsgehalt zweifeln. Ich habe noch von keinem meiner Patienten gehört, daß Sie sich unter Vitamin – D – Einnahme schlechter fühlten. Und wenn man sich die Liste der Erkrankungen mit einer VDR - Blockade anschaut, müßte fast jeder diese Veränderung aufweisen – nicht wirklich glaubhaft!

Eine Gegenargumentation ist im Netz aber schnell gefunden: Blockierter-Vitamin-D-Rezeptor-als-neue-Diagnose. Aber auch diese Seite erscheint mir zu emotional, fast schon polemisch geschrieben. Sehr interessant ist aber die Aussage, daß es sich um eine kompetitive Blockade handeln soll. Dabei gewinnt diejenige Substanz das Rennen um den Rezeptor, die in der höchsten Konzentration vorliegt. Sollte dies der Fall sein, dann wäre die Vitamin – D – Gabe zwingend und gesundheitsfördernd!

Es geht aber neutral und sachlich: Vitamin D.

Eine Praxisstudie zu einer Vitamin D Rezeptoren-Blockade

Es lassen sich jedoch nirgendwo irgendwelche Statistiken finden, die verläßlich aussagen, wie hoch der prozentuale Anteil einer VDR – Blockade ist und vor allem: wie ist in solchen Fällen therapeutisch zu verfahren?

Aus diesem Grund habe ich mich entschlossen, eine kleine Praxisstudie durchzuführen und bei 100 Patienten beide Vitamin – D – Formen zu bestimmen.

Es gelten folgende Normbereiche:

für die aktive Form 1,25-OH-Calcitriol    19,9 – 79,3 pg/ml
für die inaktive Form 25-OH-Calcidiol     > 20 ng/ml
wobei ich als optimal 30 – 80 ng/ml ansehe.

Zur statistischen Auswertung habe ich das Calcitriol – Calcidiol – Verhältnis herangezogen. Werte kleiner gleich 1,5 sind optimal, Werte über 2,8 sprechen für eine VDR – Blockade.

Bei Quotienten zwischen 1,5 und 2,8 lohnt sich ein genauer Blick auf die Werte, wie zum Beispiel bei diesem 14 jährigen Jungen, bei dem kurz nach einem zwei wöchigen Sonnenurlaub folgende Werte ermittelt wurden:

Calcitriol  129,0 pg/ml        Calcidiol 64,1 ng/ml    Quotient  1,98

Das aktive Calcitriol liegt deutlich über dem Normbereich, aber hat er deshalb eine VDR – Blockade? Sicher nicht, das Calcidiol liegt mit 64,1 im optimalen Bereich!

Ein anderes Beispiel:

Calcitriol 37,1 pg/ml        Clacidiol 19,8 ng/ml    Quotient  1,87

Auch hier liegt meiner Meinung nach keine VDR – Blockade vor, dafür ist das aktive Calcitriol viel zu niedrig. Diese Patientin hat einen deutlichen Vitamin – D – Mangel.


Ergebnisse


73 von 100 der untersuchten Patienten zeigen völlig unauffällige Werte mit einem Calcitriol – Calcidiol – Verhältnis von kleiner 1,5.

18 Probanden wiesen einen grenzwertigen Quotient zwischen 1,5 und 2,8 – aus oben genannten Gründen zähle ich diese Gruppe nicht zur VDR-Blockade.

Nur 9 Patienten zeigten Werte, die auf eine VDR-Blockade hinweisen könnten.


Was passiert bei Vitamin – D – Gabe?

Wenn wir davon ausgehen, daß diese neun Patienten eine VDR – Blockade aufweisen, dürfte ihnen die Vitamin D – Gabe nicht gut tun und das Calcitriol – Calcidiol – Verhältnis dürfte sich kaum oder gar nicht verändern. Die Wirklichkeit sieht jedoch anders aus:

Mann, 51 Jahre alt, 62 kg mit folgenden Diagnosen:
Polyneuroparhie, M. Hashimoto, Schlafstörung, Innere Unruhe

Caclitriol 72,6    Calcidiol 23,4    Quotient 3,10

Therapie: 20.000 IE tgl. für 10 Tage, danach 20.000 IE einmal wöchentlich

Kontrolle nach neun Wochen:
Calcitriol 46,2    Calcidiol 38,6    Quotient 1,21

Wenn die VDR – Blockade - Theorie stimmen würde, hätten sich solche Werte nie entwickeln dürfen!


Männlich, 9 Jahre, 33 kg mit folgenden Diagnosen:
Aufmerksamkeits – Defizit – Syndrom (ADS), Kryptopyrrolurie (KPU), Vitiligo, Wundheilungsstörung,

Calcitriol 83,0    Clacidiol 21,5    Quotient 3,86
Therapie: tgl 2000 IE

Kontrolle nach 30 Tagen:
Clacitriol 71,3    Calcidiol 31,1    Quotient 2,29

Auch bei diesem Patienten stimmt die VDR – Blockade – Theorie nicht, die Werte gleichen sich unter Vitamin D – Gabe an.


Nächster Patient, männlich, 13 Jahre, 56 kg
mit folgenden Diagnosen:
ADS, KPU

Clacitriol 130,0    Calcidiol 33,1    Quotient 3,93
Therapie 2000 IE tgl.

Kontrolle nach 30 Tagen:
Calcitriol 143,0    Calcidiol 40,3    Quotient 3,55

Auch hier gleichen sich die Werte an, aber viel langsamer als bei den vorherigen beiden Patienten. Anders ist jedoch, daß Calcitriol weiter ansteigt – daher habe ich mich in diesem Fall entschlossen, die Vitamin D – Gabe zu beenden. Allerdings war die gewählte Tagesdosis für das Körpergewicht recht niedrig – man kann darüber spekulieren, ob eine höhere Dosis andere Clacitriol – Werte bewirkt hätte.

Bei allen drei Patienten konnte eine Borreliose oder andere (chronische) bakterielle Belastung ausgeschlossen werden.

Folgende Werte habe ich kürzlich erhalten:




Wir sehen hier einen Patienten mit einer aktiven Borreliose – und einem völlig normalen, guten Calcidiol – Wert unter Vitamin D – Gabe.


Zusammenfassung

  • Laborkonstellationen, die auf eine VDR – Blockade hindeuten, sind selten.
  • Wenn es eine VDR – Blockade gibt, so scheint sie kompetitiv zu sein: diejenige Substanz, die in der höchsten Konzentration vorliegt, gewinnt das Rennen um den Rezeptor.
  • Folglich ist eine Vitamin D – Gabe bei erniedrigten / niedrigen Calcidiol – Werten richtig und notwendig!
  • Borrelien führen nicht (zwangsläufig) zu einer VDR – Blockade.

Die endgültige Beantwortung, ob es sich bei der VDR – Blockade um die Wahrheit oder ein Märchen handelt, benötigt noch einige Zeit, die bisherigen Fallzahlen sind noch zu gering.